Sie sind hier: 
21.3.2019 : 3:25 : +0100

Giorgio Hösli und seine persönliche Alp-Erfahrung

Bist du der Initiant des Buches? Oder wie darf man dich in Bezug auf das Buch bezeichnen?
Idee, Anstoss und Lostritt kamen von mir. Auf dem Buch schmücke ich mich mit dem Begriff «Herausgeber».

Warum wolltest du so ein Buch herausgeben?
Nach dem «Handbuch Alp» mit hauptsächlich Tipps und Tricks lag es nahe, etwas über die Leute, die dort arbeiten, zu machen. Fasziniert hat mich auf der Alp, wie verschieden die Charakteren und Typen der Älplerinnen und Älpler sind. Und wie sie allesamt im Herbst hübsch gebräunt hinunterziehen und dieselben Geschichten erzählen. Egal ob die Leute aus den Städten, aus den Universitäten oder aus der Landwirtschaft stammen. Mich haben ihre Lebensentwürfe interessiert, wie und warum sind sie zur Alp gekommen. Und: Was können wir Dienstleistungsgesellschafter von ihnen lernen.

Wann warst du zum ersten Mal auf der Alp?
Im Sommer 1986, ich war zwanzig und suchte eine Arbeit. Es war eine Ziegenalp im Tessin und als ich dort ankam, dachte ich: «Scheisse, die Viecher muss man ja melken». Ich habe mich dann in die Sennerin verliebt, die mir viel beibringen konnte. Dieser erste Sommer war nicht sonderlich erfolgreich, aber in einer Intensität, die ich nicht mehr missen wollte.

Schönste Erlebnisse auf der Alp?
Dass man am Morgen vor die Hütte treten und in die Blacken pissen kann. Das hat mich bei der Rückkehr ins Tal immer wieder irritiert, dass man zuerst ein WC suchen muss. Insgesamt ergeben sich die bleibenden Erlebnisse aber aus der gesamten Arbeit mit den Tieren, mit der Milch, mit der Landschaft.
Erleben kann man viel auf der Alp, warum ein Erlebnis für einen besonders wird, hat mit der eigenen Geschichte zu tun. Eines der Glücksgefühle für mich war die Bestätigung. Es braucht wenig: Guten Käse hinkriegen, eine Kuh aus einer Spalte befreien, erfolgreich ein Klauengeschwür rausschneiden, alle Tiere wieder nach Hause bringen, einen tollen Hund als Helfer haben, sich im Team nicht die Köpfe einschlagen. Überall lauern Möglichkeiten, Glücksmomente zu erhaschen.

Was fasziniert dich am Thema „Alp“?
Für mich ist die Alp einer der letzten exotischen Plätze in der Schweiz. Ein Ort, der mich im Innersten berührt. Warum das so ist, weiss ich nicht. Aber es ist schon viel.
Mir gefällt, dass die Arbeit ehrlich ist, aus eigener Kraft getan wird und meist auch nötig. Morgens haben die Kühe ein dickes Euter, du musst sie melken. Das gibt Milch, du musst sie verkäsen. Den Käse musst du pflegen. Dann haben die Kühe Hunger, du musst sie auf eine Weide treiben. Alles sehr einfach, aber dringlich. Während wir hier unten Dinge und Geld rumschieben, etwas telefonieren, ein wenig in die Tastatur hauen. Genau genommen uns mit uns selber beschäftigen, ohne wirklich etwas zu verrichten. Uns parfümieren, obwohl wir gar nicht ins Schwitzen kommen.

Wo überall hast du schon Alpwirtschaft betrieben?
Ich war vierzehn Sommer auf Alpen im Tessin, in Graubünden, im St. Galler Oberland.

Welche Tiere hattest du schon in der Alpwirtschaft?
Mit mir aushalten mussten es Rinder, Kühe, Mutterkühe, Ziegen, Hühner, Schweine, Hunde. Die Schafe blieben bis anhin verschont.

Welche Arbeit mochtest du/magst du am liebsten?
Welche nicht?

Etwas vom Schönsten ist mit einer Herde von 150 Rindern die Weide zu wechseln, sofern der Hund brav mitmacht. Man fühlt sich wie ein König mit seinem Heer. Wenn der Hund nicht will, muss der König rennen und schwitzen, was ihm auch gut tut.
Das Schlimmste ist, den Bauern anzurufen und ihm mitzuteilen, dass sein Rind abgestürzt ist.

Kannst du mir eine lustige Alp-Anekdote erzählen?
Gute Frage. So richtig lustig ist es auf der Alp selten. Man ist oftmals übermüdet und angespannt, weil schlechtes Wetter droht, die Weide nicht reicht, der Käsekeller zu warm ist, das Schwein hustet usw. Eine lustige Situation ergab sich mal, als ich bei den Nachbarälplern auf Besuch war, diese gerade in der warmen Schotte im Kessi am Baden. Draussen fuhr ein Traktor vor: der Alpmeister. Mit ein paar ausgedehnten Sätzen über das Wetter und das Vieh  habe ich ihn hingehalten, so gut es ging. Als wir dann in die Sennhütte eintraten, schwappte im Kessi die Schotte und aus der Dusche kamen gleichzeitig drei schüchtern lächelnde Älpler. Die Situation war offensichtlich.

Was nimmst du immer auf die Alp mit?
Einen Wecker. Freiwillig um vier Uhr morgens aufstehen, das würde ich nicht. Ein Radio, weil ich auch auf der Alp wissen will, was anderswo in der Welt passiert. Einen Hund, denn selber rennen und bellen ist mühsam.